Die Klimaschützer gingen am heutigen Freitag weltweit wieder auf die Straßen und traten lautstark für ein Ende der fossilen Energien und den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien sowie eine „konsequente Verkehrswende“ ein. Unter dem Motto #PeopleNotProfit forderte Fridays for Future deshalb heute „(…) auf allen Kontinenten und überall in Deutschland ein, dass die Politik nicht mehr länger Konzerninteressen über Menschenleben stellt!“ Nötig seien 100 Milliarden Euro für „sozialen Klimaschutz“ und das Neun-Euro-Ticket „für immer“. In zahlreichen Städten Deutschlands haben am heutigen Freitag insgesamt mehrere Zehntausend Menschen für mehr Klimaschutz und „Climate Justice“ demonstriert. Die überwiegend jungen Demonstranten folgten einem Aufruf der Bewegung Fridays For Future zu einem weltweiten „Klimastreik“. Für die Klimabewegung Fridays for Future sind Klimagerechtigkeit und Frieden untrennbar miteinander verbunden. Erneuerbare Energien auszubauen, sei doppeltes Krisenmanagement: gegen den Krieg in der Ukraine und gegen Klimakatastrophen.

Update (17.11.2022):
Die Forderung der Verantwortlichen der Klimabewegung lautet: Unabhängig von fossilen Energien werden, erneuerbare Energien ausbauen – sonst nehmen Extremwetter und das Artensterben weiter zu. Aber: Was kann der Klima-Aktivismus substanziell zur Herstellung eines ökologischen Gleichgewichtes und gegen die weitere Spaltung der Gesellschaft bewirken? Wenn folgende sprachliche Bewertungen oder herablassende Vorverurteilungen vorgenommen werden. Zu fragen bleibt, wie überzogen und/oder radikal sind diese Forderungen der Klima-Aktivist*innen? Und: Sind wir als Gesellschaft auf dem Weg hin zu einer neuen Respektlosigkeit? Wo stehen wir – im Krisen-Jahrzehnt der 2020er-Jahre – gesellschaftlich überhaupt?

 

Luisa Neubauer nennt Olaf Scholz „fossilen Kanzler“

 

 

Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer rief bei der Kundgebung in Berlin:

 

„Wer denkt, dass es keinen Ausweg gibt, dem bleibt nur Verzweiflung.
Wer weiß, dass es anders geht, der kann loslegen und handeln.
Wir haben das Wissen, also legen wir los.“

 

 

 

 

Beispielhafte Aufrufe zum Klimastreik:

GLOBALER KLIMASTREIK AM 23. SEPTEMBER: BREITES BÜNDNIS FORDERT KEHRTWENDE IN DER KLIMAPOLITIK

Klimastreik-Aufruf des WWF-Deutschland

 

 

Auch in Düsseldorf protestierten tausende Menschen für den Klimaschutz und schlossen sich der Klimaschutzbewegung Fridays For Future und ihrem Aufruf zum Schutz des Klimas und gegen Putins Ukraine-Vernichtungskrieg an. Der Ausgangspunkt des Klimastreiks war der Landtag Nordrhein-Westfalen; von dort ging es friedlich am Rheinufer entlang über die Düsseldorfer Altstadt zur Innenstadt. Sie wollten mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz Zeichen gegen das Schweigen, gegen die Unsicherheit oder das Gefühl der Ohnmacht setzen. Es schien ihnen ein Bedürfnis zu sein, einige Teilnehmer*innen sprachen untereinander auch darüber, auf diese Weise laut-leise (eine ausgleichende Dualität kann häufig als Intervention wirkungsvoller sein, als lodernde, geballte und blinde Emotionen von Wut) Sichtbarkeit für wahrgenommene Ungerechtigkeiten und Unfreiheiten sowie einem subjektiv festgestellten Rückgang an Verantwortungsbewusstsein, einer Zunahme an Ignoranz und Profitstreben (blinde Flecken) innerhalb unserer Sub-Gesellschaften im Heute herstellen zu wollen – für eine lebenswertere Zukunft von Morgen. Viele Teilnehmer*innen des Protestzuges hatten den Wunsch, seinen oder ihren persönlichen Impact auf das aktuelle politische Geschehen zu bewirken. Da jede Stimme zählt, und eine größere Wirkung lediglich gemeinsam erzeugt werden könne, lautete die verbreitete Annahme. Viele kleine Schritte und unüberhörbare Stimmen aller Demonstrant*innen formten – so die Beobachtung – eine andere Dynamik und machten einen neuen Möglichkeits- und Diskussionsraum in Richtung Zukunft auf: Passanten blieben stehen, hörten zu und einige stellten Fragen, konträre Meinungen prallten aufeinander, am Rande diskutierten Schaulustige mit Akteur*innen und andere Passant*innen schlossen sich spontan den Demonstranten beim Aufzug durch die Stadt an.
Ich war kritisch-distanzierte Beobachterin, aber als Nicht-Wissende, mit einer unendlichen Neugierde auf Menschen und ihre Beweggründe, gleichzeitig mittendrin.

Die Hoffnung und der Optimismus auf Denk- und Verhaltensänderungen und die Empörung über Stillstand und Stagnation im politischen wie gesellschaftlichen Diskurs und in den Handlungen waren der Antrieb. Beides stirbt bekanntlich zuletzt. Es schwang davon ein Hauch über den Köpfen der Menschen, die sich an diesem Freitag aufgemacht hatten: dass kleine Veränderungen im Verhalten, der Kommunikation, im Handeln und/oder der Zusammenarbeit, der Kollaboration als technisch vermittelt und durch die digitale Kommunikation maßgeblich vorangetriebene Zusammenarbeit in Teams, die durch intensiven, kreativen und zeitlich begrenzten Austausch neue Sichtweisen, Lösungsansätze oder Verbindungen entstehen lässtbereits zu positiven gesellschaftlichen Veränderungen größeren Ausmaßes führen könnten.

Der sogenannte positive Tipping Point. Dieser positive Kipppunkt, markiert die Wende, der die neue gesellschaftliche Richtung weist und zu einem Schneeballeffekt führen kann. Durch die aktuell leidenschaftlich geführten Diskurse rund um den Klimaaktivismus, die Klimawende, systembedingte wie menschengemachte Krisen und die sozialen Ungleichheiten, haben wir Chancen, die bereits vor Jahrzehnten auf den Weg gebrachte, Mitte der 2020er-Jahre neu angeschobenen positiven und gegenläufigen Entwicklungen, Dynamiken und Trends bzw. Zeichen-Setzungen, Durchbrüche von konstruktiver Intensität beim Klima, in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu erreichen. Voraussetzung dafür ist, dass wir es in unseren Gesellschaften, (Öko-)Systemen, Communitys und Arbeitskontexten eine Öffnung und Flexibilität, ebenso eine Akzeptanz und Toleranz für vielfältige Denk-, Handlungs- und Lösungsweisen/-muster und für Fehler, Frustrationen und das Scheitern von Vorhaben (Stichworte: Fehlerkultur, Frustrationstoleranz und Ambiguitätstoleranz) hinbekommen, und aktiv gemeinsam diese mitgestalten, um der scheinbar zuzunehmenden Spaltung in der Bevölkerung und innerhalb von Kohorten in Gesellschaft und Organisationen entschieden, klar, transparent, respektvoll und vor allem wertschätzend und optimistisch entgegenzuwirken.
Denk- und umsetzbar wäre aus meiner Sicht beispielsweise eine ausgewogene Mischung von digitalen, analogen und hybriden sowie barriere- und egofreien Partizipationsformaten, die inklusiv sind, somit allen Menschen zur gleichberechtigten Teilhabe zur Verfügung stehen. Mit dem Verharren in tradierten Mindsets, dem Festhalten an Gewohnheiten und Status quo, der Unsicherheit im Umgang mit derselbigen und der Furcht vor Unbekanntem und Ungewissem stehen wir uns dabei manches Mal selbst im Weg (als erweiterte Formen der Selbstsabotage [engl. self-sabotaging behavior] könnte dieses Verhalten psychologisch eingeordnet werden).
Positive Tipping Points bieten eine Möglichkeit, große Unterschiede innerhalb von Gesellschaft, Kulturen; Organisationskulturen, Kollaborations- und Kooperationskulturen, Umgangs- und Begegnungskulturenund Sub-Systemen zu bewirken.

Hier nur ein paar kleine Eindrücke:

 

 

 

 

           

 

 

 

 

 

 

Wofür bist du zuletzt auf die Straße gegangen, um deine Stimme gegen das Vergessen, die gesellschaftliche Spaltung, die Ohnmacht, die Wut oder den Unmut zu erheben? Oder gibt es im Alltag kleine Dinge, die du ganz selbstverständlich tust, die im Außen bereits für ein wenig Änderung sorgen? Bringen die Proteste – mit ihren nicht unumstrittenen -, häufig auch als überzogen eingeschätzten Forderungen, der Gesellschaft grundsätzlich etwas? Auffallen um jeden Preis: Was ist mit Angriffen auf Leib und Leben, als unbeteiligte*r Straßenverkehrsteilnehmer*in, und Beschädigungen von Kulturgütern, wie Mitte Oktober geschehen? Bei der Aktion hatten Anti-Öl-Aktivistinnen der Umweltgruppe „Just Stop Oil“ das berühmte Gemälde „Sonnenblumen“ des Malers Vincent Van Gogh mit Tomatensuppe in London überschüttet. Wer profitiert schlussendlich von diesen und ähnlichen Aktionen?

Der Paradigmenwechsel ist bereits eingeläutet, aber wie weit lassen sich unsere gesellschaftlichen Spielräume überhaupt tatsächlich ausdehnen? Hört die Freiheit des einen auf, wo die Freiheit des anderen anfängt?

Welche Rolle spielt das Verhalten eines jeden von uns, im Hinblick auf Verhaltensalternativen und Wendepunkte, damit es zu einer zeitlich schnelleren Reduzierung oder einem deutlich abbildbaren „Umkippen“ von negativen Tipping Points, in häufiger positive kommt? Am meisten betroffen von den Folgen sind die ärmeren, später industrialisierten Länder und jüngere und zukünftige Generationen, deren körperliche Gesundheit und Freiheit höher beeinträchtigt sein werden, als die unsere.    

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

Deine Isabel

 

Ausgewählte Medien & Pressestimmen über die Bewegung und zur Klimakrise als Einschätzungsfolien zur Annäherung an ein Bild der Klima-Aktivist*innen: Mehr als nur eine Jugendbewegung des 21. Jahrhunderts?

Analyse: Klimabewegung und die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“

Einschätzungen der taz zur Klimabewegung Fridays For Future

Der Tagesspiegel – Ressort: Energie & Klima

ZEIT Online – Ressort: Green

Aktivistin Luisa Neubauer – Müssen in der Klimakatastrophe Anstand beweisen: Luisa Neubauer im Gespräch mit Jule Reimer | 06.11.2022 | Deutschlandfunk 

Weitere Beiträge auf Deutschlandfunk.de zum Thema

Das ZDF hat Hintergründe und Ausblicke zu FFF zusammengestellt

radiobremen – buten un binnen zu Antisemitismus-Vorwürfe bei FFF Bremen (11.11.2022)

 

In der Printausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT, NR. 47, vom 17. November 2022, wird beim Titelthema des Dossiers: „Was nützt der Klima-Aktivismus?“ deshalb kritisch gefragt, was radikale Protestaktionen und Straßenblockaden mit Todesfolge, wie sie beispielsweise die Aktivistengruppe „Aufstand der letzten Generation“ seit Sommer 2021 bis zum jetzigen Zeitpunkt vermehrt in Berlin durchführt, bringen sollen. Die Frage nach dem Zweck des Aktionismus stellt sich unweigerlich. „In Deutschland sind es die Aktivistinnen und Aktivisten der Letzen Generation, die sich in diesen Tagen fragen lassen müssen, was dem Klimaschutz bringen soll, berühmte Gemälde mit Kartoffelbrei zu bewerfen, sich an Haltestangen eines Dinosaurierskeletts anzukleben und, vor allem, immer wieder Straßen zu blockieren. Glauben sie wirklich, dass die Deutschen deshalb aufs Fahrrad umsteigen? Die Bundesregierung den Kohleausstieg noch weiter vorzieht? Die Chinesen mehr Windkraftanlagen installieren?“ Hmm. Das lasse ich jetzt einmal umkommentiert stehen.

Fakten sind einerseits, dass die Bundesregierung ihr eigenes Klimaschutzgesetz nicht einhält. Dies ist unbestritten. Andererseits, so betonen die Autoren des Dossiers, kommen nur ein Bruchteil der globalen Emissionen aus Deutschland. Zudem verweisen sie auf den Kölner Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels, der herausstellt, dass individuelle oder nationale Lösungsansätze zum Scheitern verurteilt seien. Denn das Klimaproblem sei ein globales „Trittbrettfahrerproblem“. Darunter versteht der Ökonom, auf der einen Seite gibt es die Länder, die aktiv den Klimaschutz in ihrem Land vorantreiben, sich an die auf den Klimakonferenzen international vereinbarten Regeln halten und letzten Endes durch ihren hohen finanziellen Aufwand, die Hauptkosten und -lasten tragen, wohingegen auf der anderen Seite den Nutzen die Trittbrettfahrer-Länder haben, die kaum bis gar nicht Geld investieren. Das sogenannte Trittbrettfahrer-Dilemma, wie es Ockenfels nennt. Nötig wären laut ihm, klare gegenseitige Verpflichtungen inklusive eines Belohnungs- und Bestrafungssystems, die Anreize zum Einhalt der Zielsetzungen bieten könnten. Die „Schlupflöcher“ für Trittbrettfahrer ließen sich auf diese Weise eventuell eher schließen. Das bleibt abzuwarten. Schwierig scheint, auf langfristige Sicht, eine internationale Einigung zu erreichen. Die Autoren des Dossiers betonen, jeder Versuch, in den Klimaabkommen einen Sanktionsmechanismus zu integrieren, sei gescheitert. Da Länder wie Russland, China und USA dies seit Jahren ablehnen und deutlich verbalisiert haben, dem nicht – unter keinen Umständen – zuzustimmen. Somit bleibt es in der Verantwortung der einzelnen Länder, ihre eigenen Klimaziele zu verfolgen und einzuhalten.

Sven Hillenkamp, Jahrgang 1971, ist ein deutscher Schriftsteller und Soziologe. Hillenkamp engagiert sich in der Umwelt- und Klimabewegung. In seiner Analyse vom 10.11.2022 trägt er auf ZEIT Online Forschungsergebnisse, Einschätzungen und Effekte zu Auswirkungen der radikalen Protestformen des Klimaaktivismus von o.g. Aktivistengruppen zusammen. Die Meinungen, Einschätzungen und Befunde sind kontrovers und heterogen, wie der Diskurs insgesamt. Nur durch die vielfältigen Mosaikstücke können wir uns eine eigene Meinung bilden. Dennoch frage ich mich, ob der Zweck „die Mittel heiligt“ oder umgekehrt.

error: Content is protected!